Teil 2: Wenn Wissen entlastet und gleichzeitig verunsichert

Oft heißt es, Eltern wüssten heute viel mehr über Bindung und Entwicklung als frühere Generationen. Ich glaube, es geht weniger um mehr Wissen als um ein anderes Bewusstsein. Es wird anders über Kinder gesprochen, psychologische Themen sind präsenter, und viele Eltern fragen sich, was hinter dem Verhalten ihres Kindes stehen könnte. Das halte ich für eine wichtige Entwicklung. Dieses Wissen ist aber nicht allen gleich zugänglich. Bücher zu lesen, Kurse zu besuchen oder sich in Ruhe mit der eigenen Geschichte zu beschäftigen, braucht Zeit, Geld und Kraft, und die sind sehr unterschiedlich verteilt.

Eine Schnecke auf einem breiten Kiesweg, der sich in die Ferne zieht
Foto: © Andrea Menghini

Frühere Generationen waren deshalb nicht weniger engagiert. Sie wussten, was man zu ihrer Zeit wissen konnte, und haben sich an den Empfehlungen orientiert, die damals galten. So wie wir heute auch.

Neben all dem Wissen erlebe ich in meiner Praxis aber auch viel Verunsicherung. Natürlich nicht bei allen, aber doch so oft, dass ich darüber schreiben möchte.

„Ich weiß theoretisch so viel. Aber es gibt Momente, da hilft mir das Wissen gar nicht weiter.“

Wissen gibt Orientierung. Es kann aber auch Druck erzeugen: den Druck, nichts falsch zu machen, das Kind immer richtig zu verstehen, die eigene Erschöpfung noch ein bisschen länger auszuhalten. Das kann gerade die besonders aufmerksamen Mütter betreffen, die ihrem Kind etwas mitgeben wollen, das sie selbst nicht selbstverständlich bekommen haben.

Aus Orientierung wird Anspruch

Mit der Zeit kann aus Orientierung etwas anderes werden. Aus „Es wäre hilfreich, wenn …“ wird leise ein „Ich müsste …“. In den therapeutischen Gesprächen höre ich Sätze wie: „Eigentlich müsste ich ruhiger bleiben.“ „Ich weiß ja, dass mein Kind das nicht absichtlich macht.“ „Ich müsste das doch inzwischen können.“

Hinter vielen dieser „Ich müsste“ steckt etwas, das dir wirklich wichtig ist, etwa der Wunsch, deinem Kind Geborgenheit zu geben.

Solche Ansprüche entstehen zusätzlich durch Input aus Ratgebern, aus Gesprächen, aus Bildern in den sozialen Medien und aus Vorstellungen, wie eine gute Mutter zu sein hat. Die Soziologin Sharon Hays hat das schon in den 1990er Jahren in den USA als „intensive Mutterschaft“ beschrieben: die Erwartung, dass Mütter sich mit ganzer Zeit, Energie und Gefühl dem Kind widmen und sich dabei an Expertinnen, Experten und Ratgebern orientieren (Hays, 1996). Ich erlebe, dass solche Erwartungen mit der Zeit zu einer inneren Stimme werden, die sich anfühlt, als käme sie von einem selbst.

Und Elternschaft trifft viele in einer sehr verletzlichen Lebensphase. Die Verantwortung fühlt sich riesig an, und nicht alles lässt sich planen. Da ist es zutiefst verständlich, nach etwas zu suchen, das Halt gibt.

„Ich habe so viel gelesen, dass ich oft gar nicht mehr weiß, woran ich mich orientieren soll.“

Die Lücke zwischen Wissen und Können

Wissen verändert nicht automatisch das eigene Erleben. Zu wissen, dass ein Kind Co-Regulation braucht, macht eine schlaflose Nacht nicht weniger anstrengend. Zu verstehen, warum ein Kind weint, heißt nicht, dass du in diesem Moment die Kraft hast, ruhig zu bleiben.

In meiner Fortbildung in Somatischer Emotionaler Integration (SEI) bei der Traumatherapeutin Dami Charf hat mich dazu ein Bild besonders begleitet: das Toleranzfenster. Gemeint ist der Bereich, in dem wir mit Anspannung und Gefühlen gut umgehen können, in dem wir nachdenken, zuhören und in Kontakt bleiben können. Schlafmangel, Dauerstress oder alte Verletzungen machen dieses Fenster enger. Dann reicht manchmal wenig, und wir sind draußen, aufgedreht und gereizt oder erschöpft und wie weggetreten. Außerhalb des Fensters ist das Wissen aus Büchern kaum erreichbar. Das liegt nicht an mangelndem Willen. Es ist eine Reaktion des Nervensystems (Charf, 2018).

Zwischen dem Wissen, was hilfreich wäre, und dem, was im Moment möglich ist, liegt oft eine große Lücke. Diese Lücke verdient Verständnis und keine weiteren Ansprüche. Denn Mütter begleiten ihre Kinder nicht unter idealen Bedingungen. Sie tun es mitten in ihrem Leben, mit dem, was sie mitbringen, was sie tragen und was ihnen gerade fehlt.

Schwer wird es oft weniger durch die Information selbst als durch das, was Mütter daraus über sich schließen: „Mit mir stimmt etwas nicht.“ „Andere schaffen das besser.“ „Ich bin nicht gut genug.“ Solche Gedanken tun weh, und sie entstehen manchmal gerade dort, wo sich jemand ohnehin schon sehr bemüht.