Teil 3: Wenn alte Erfahrungen mitschwingen

Wenn sich Eltern fragen, was sie selbst als Kind erlebt haben und welche Spuren das hinterlassen hat, kann das entlastend sein. Es kann aber auch herausfordernd werden, wenn alte Erfahrungen im Alltag mit dem eigenen Kind plötzlich wieder spürbar werden.

Baumstamm mit einer verheilten Wunde in der Rinde
Foto: © Andrea Menghini

Das zeigt sich selten als klare Erinnerung. Eher als Körperreaktion, als ein Gefühl, das größer ist als die Situation, oder als ein inneres Erleben, das sich schwer erklären lässt. Das kann erschrecken. Mütter fragen sich dann, warum sie in bestimmten Momenten so stark reagieren, warum sie sich plötzlich hilflos, gereizt oder wie abgeschnitten von sich selbst fühlen. Gerade die großen Gefühle des Kindes, wie zum Beispiel die Wut, können bei Erwachsenen starke Gefühle und Hilflosigkeit auslösen. Das gehört zu den Herausforderungen der frühen Jahre, kann aber manchmal auch zu mehr Klarheit führen, wenn die eigenen Gefühle und Grenzen bewusst werden.

Im Modell „Kreis der Sicherheit“, dessen Wirksamkeit unter anderem in einer Hamburger Studie untersucht wurde (Ramsauer et al., 2011), gibt es dafür ein schönes Bild: die „Haifischmusik“. Wie im Film kündigt eine bedrohliche Melodie Gefahr an, obwohl am Strand eigentlich alles friedlich ist. So können bestimmte Bedürfnisse eines Kindes, etwa nach Nähe oder nach Eigenständigkeit, in uns alte Alarmsignale auslösen. Dabei ist es gar nicht so wichtig herauszufinden, warum wir diese Musik hören. Hilfreich ist, zu bemerken, wann sie spielt.

Aus traumasensibler Sicht ist das gut verständlich. Nicht alles, was wir erlebt haben, ist als bewusste Erinnerung gespeichert. Einiges hat sich eher im Körper eingeprägt, als Gefühl von Alarm, Anspannung oder Rückzug. Mir ist es ein wichtiges Anliegen, an dieser Stelle zu betonen: Das bedeutet nicht, dass mit dir etwas falsch ist. Es zeigt, dass dein Erleben eine Geschichte hat.

Was in solchen Momenten helfen kann, sind manchmal ganz kleine Dinge: den Boden unter den Füßen spüren, sich im Raum umschauen, wahrnehmen, wo du gerade bist. Nicht immer gelingt das, und auch das ist in Ordnung. Dami Charf erinnert daran, dass Gefühle unangenehm sein können, aber nicht gefährlich sind. Und dass es hilft, im Körper zu spüren: Das war damals, und heute ist heute.

Manchmal sind die Reaktionen aber so stark, dass solche kleinen Schritte nicht reichen. Etwa wenn Bilder, Gefühle oder Körperempfindungen von damals mit großer Wucht zurückkommen, wenn du dich wie abgeschnitten von dir selbst oder von deiner Umgebung fühlst oder wenn die Überforderung kaum auszuhalten ist. Das hat nichts mit fehlender Kraft zu tun. Dann ist eine traumatherapeutische Begleitung sinnvoll, die dir hilft, in einem sicheren Rahmen und in deinem Tempo damit umzugehen.

In meiner Weiterbildung zur körperorientierten Krisenbegleitung bei Paula Diederichs ist mir ein Gedanke besonders hängen geblieben: wie eng Bindung mit Selbstanbindung zusammenhängt. Gemeint ist die Verbindung zu sich selbst, zum eigenen Körper und zu dem, was gerade in einem vorgeht. Diese Verbindung ist nichts, das man herstellen oder üben muss. Sie geht im Alltag mit einem Baby immer wieder verloren, und sie kommt oft wie von selbst zurück, wenn ein wenig Ruhe einkehrt: in einer Pause, in einem Gespräch, oder wenn jemand anderer für eine Weile übernimmt.

Wenn du dich aber über längere Zeit kaum noch spürst, wenn sich alles taub oder weit weg anfühlt und auch Ruhe und Unterstützung daran nichts ändern, dann ist das ein Zeichen, das ernst genommen werden darf. Dahinter kann eine tiefe Erschöpfung oder eine Depression stecken, manchmal auch alte Erfahrungen, die sich auf diese Weise melden. Dann ist es gut, dir professionelle Unterstützung zu holen, etwa in der ärztlichen Praxis oder in einer Psychotherapie. Auch deine Hebamme kann dir helfen, die passende Unterstützung zu finden. Darüber schreibe ich in Teil 3 noch genauer.

Dass eigene frühe Erfahrungen in der Elternschaft wieder auftauchen können, ist gut untersucht. Eine große Auswertung aus drei Jahrzehnten Forschung zeigt: Bindungsmuster werden oft von einer Generation an die nächste weitergegeben, aber bei Weitem nicht immer, und der Zusammenhang ist schwächer, als frühere Studien nahegelegt haben (Verhage et al., 2016). Die Psychoanalytikerin Selma Fraiberg hat schon in den 1970er Jahren das Bild der „Gespenster im Kinderzimmer“ geprägt: unverarbeitete Erfahrungen aus der eigenen Kindheit, die in die Beziehung zum eigenen Kind hineinwirken können.

Mir ist wichtig, dass dabei nicht nur die Verletzungen Platz bekommen. Alicia Lieberman und ihr Team haben den Gespenstern die „Engel im Kinderzimmer“ gegenübergestellt: Erinnerungen an Momente, in denen man sich als Kind besonders geliebt, verstanden oder beschützt gefühlt hat (Van Horn et al., 2014). Solche Erinnerungen können schützen, etwa davor, dass belastende Erfahrungen aus der eigenen Kindheit später zu Traumafolgen führen (Narayan et al., 2017). Ich erlebe, dass man solche Momente nicht nur bei den Eltern findet, sondern auch bei anderen Menschen, die mit einem Kind zu tun haben. Oft tragen Mütter solche Erinnerungen in sich, auch wenn sie im Alltag leicht übersehen werden.

Und wenn solche Momente in deiner Kindheit selten waren oder ganz gefehlt haben: Deine Geschichte legt nicht fest, wie die Beziehung zu deinem Kind wird. Innere Bilder von Bindung sind nicht starr, sie können sich verändern (Strüber, 2016). Die Bindungsforschung spricht von „erworbener Sicherheit“. Gemeint ist, dass ein Mensch, der als Kind wenig Sicherheit erlebt hat, später trotzdem ein sicheres inneres Bild von Bindung entwickeln kann, wenn die eigenen Erfahrungen verstanden und eingeordnet werden dürfen (Howe, 2015). Was war, bleibt ein Teil deiner Geschichte. Es kann aber einen Platz darin finden, und daneben darf Neues entstehen. Das kann in tragenden Beziehungen geschehen, und manchmal ist es hilfreich, sich dafür professionelle Begleitung zu suchen.

Begleiten, während man selbst unterwegs ist

Im Wunsch, die eigenen Muster zu erkennen und der eigenen Geschichte mit mehr Verständnis zu begegnen, liegt viel Wertvolles. Daneben kann aber der Eindruck entstehen, man müsse erst genug reflektiert und reguliert sein, um dem eigenen Kind gerecht zu werden.

Menschen begleiten ihre Kinder mitten in ihrer eigenen Entwicklung, mit allem, was dabei offen ist. Einige Themen begegnen uns immer wieder, nur jedes Mal auf einer anderen Ebene und mit anderen Möglichkeiten.

Fußspuren im Sand am Strand
Foto: © Andrea Menghini

Das ist für mich ein zentraler traumasensibler Gedanke: Niemand geht ohne Verletzungen durchs Leben, das gehört zum Menschsein. Eine liebevolle Beziehung zu deinem Kind kann trotzdem entstehen, mitten darin. Und jede Mutter kommt an ihre Grenzen. Es gibt dabei keinen Punkt, an dem alles erledigt ist, und ganz ohne Belastung lebt niemand. Mit der Zeit können sich aber mehr Möglichkeiten zeigen, mit Belastung umzugehen und nach schwierigen Momenten wieder zu dir und zu anderen zurückzufinden. Das ist ein Weg, der sich immer weiter entwickeln kann, mit allen Umwegen, die dazugehören.

Manchmal gehört dazu auch Trauer um das, was du selbst als Kind nicht bekommen hast. Trauern ist eine Form, sich selbst nahe zu bleiben. Sie braucht ihre Zeit, und sie darf kommen und gehen.

Für all das finden einige Mütter einen Raum in einer Psychotherapie. Es ist nicht immer leicht, eine Begleitung zu finden, die passt, und nicht jede Erfahrung damit ist gut. Psychotherapie wird in Österreich außerdem nur zum Teil von der Krankenkasse übernommen, und voll finanzierte Plätze sind knapp. Daneben gibt es kostenlose Begleitung durch verschiedene Stellen, die Familien mit ihrem eigenen fachlichen Blick unterstützen. Einige davon findest du im letzten Teil. Gerade in der ersten Zeit mit einem Baby fehlt oft die Kraft, lange zu suchen oder noch einmal neu anzufangen. Dann darfst du dir auch dabei helfen lassen, etwa von deiner Hebamme, in der ärztlichen Praxis oder in einer Beratungsstelle. Entscheidend ist, dass du dich sicher genug fühlst, um in deinem eigenen Tempo hinzuschauen.

Und es geht immer auch darum, wie viel Sicherheit, Halt und Unterstützung eine Mutter selbst bekommt, während sie versucht, ihrem Kind Sicherheit und Halt zu geben.

Bei Paula Diederichs ist mir dazu noch ein zweiter Gedanke begegnet, der mich seither begleitet: Mutter sein heißt, das Kind zu halten und sich selbst gehalten zu fühlen. Halt, den eine Mutter bekommt, kann sie weitergeben.

Das gilt auch für die Regulation. Ein Baby braucht jemanden, der es beruhigt, weil es das selbst noch nicht kann. Aber auch Erwachsene bleiben ein Leben lang darauf angewiesen, sich an anderen zu beruhigen und zu stärken. Dami Charf betont, dass wir Menschen nicht dafür gemacht sind, all das allein oder nur zu zweit zu tragen.

Was trägt, sind oft andere Menschen. Über lange Zeit wurden Kinder selten nur von einer oder zwei Personen begleitet. Großeltern, Freundinnen und Freunde, Nachbarinnen und Nachbarn, andere Eltern, eine Hebamme oder eine Eltern-Kind-Gruppe können entlasten, manchmal schon mit einer Stunde Zeit, einem Gespräch oder einem gekochten Essen.

Nicht jede Mutter hat so ein Netz. Die Familie wohnt weit weg, Freundinnen und Freunde haben selbst kaum Zeit, manche Mütter sind ganz allein, und manche Familien belasten eher, als dass sie entlasten. Das ist kein persönliches Versäumnis. Es ist eine Lücke, die unsere Gesellschaft zu oft den einzelnen Familien überlässt.

Unterstützungs- und Beratungsangebote können einen Teil davon auffangen, aber nicht immer alles. Manchmal bleibt trotzdem etwas offen, und dafür gibt es keine schnelle Lösung. Vielleicht hast du auch schon oft gehört, du sollst dir nicht so viel antun. Meist weißt du das längst, und trotzdem gelingt es nicht. Das liegt nicht daran, dass du es nicht verstanden hast. Wenn niemand da ist, der etwas auffängt, bleibt vieles tatsächlich an dir hängen. Und der Druck in dir kann auch eine eigene Geschichte haben, die sich mit einem guten Rat nicht einfach beiseiteschieben lässt. Beides darf so stehen, ohne dass du es sofort ändern musst. Wenn es auf Dauer zu viel wird, darfst du das aussprechen, auch wenn du noch nicht weißt, wer helfen kann. Die Adressen am Ende dieses Textes sind auch dafür da.