Mütter tragen viel. Oft mehr, als von außen sichtbar ist, und manchmal mehr, als ihnen selbst bewusst ist.
Bei den Frauen, die zu mir in die Praxis kommen, zeigt sich das ganz unterschiedlich: als Erschöpfung, als Zweifel, als eine Gereiztheit, die sie von sich nicht kennen, oder als das Gefühl, sich selbst aus dem Blick verloren zu haben.
„Ich funktioniere. Aber wenn mich jemand fragt, was mir Kraft gibt, weiß ich oft gar nicht, was ich antworten soll.“

Von außen sieht man die Mutter mit ihrem Kind, den Alltag, das Organisatorische. Unsichtbar bleiben die Gedanken, Sorgen und vielen kleinen Entscheidungen jeden Tag. Wer denkt an die nächste Vorsorgeuntersuchung, an die Schuhe, die zu klein werden, an das Geschenk für den Kindergeburtstag? Die Soziologin Allison Daminger hat diese unsichtbare Denkarbeit untersucht: vorausdenken, was gebraucht wird, Möglichkeiten suchen, entscheiden und im Blick behalten, ob es funktioniert (Daminger, 2021). Weil man sie nicht sieht, wird sie leicht übersehen, auch von dir selbst. Und doch kostet sie Kraft, oft auch in Momenten, die von außen nach Pause aussehen.
„Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich diejenige bin, die alles zusammenhält.“
Belastung und Ressourcen
Die Forscherinnen Moïra Mikolajczak und Isabelle Roskam beschreiben Erschöpfung bei Eltern als ein Ungleichgewicht. Auf der einen Seite stehen Belastungen wie viele Aufgaben bei wenig Zeit, fehlende Unterstützung oder hohe Ansprüche an sich selbst. Auf der anderen Seite stehen Ressourcen wie Zeit zur Erholung, Unterstützung von außen und Selbstmitgefühl. Wird die Seite der Belastungen über längere Zeit schwerer, kann es zu einem tiefen Erschöpfungszustand kommen (Mikolajczak & Roskam, 2018). In einer Studie mit über 17.000 Eltern aus 42 Ländern zeigte sich außerdem, dass diese Erschöpfung in westlichen, stark auf das Individuum ausgerichteten Gesellschaften deutlich häufiger vorkommt. Das hat mehr Einfluss als etwa die Zahl der Kinder (Roskam et al., 2021). Auch Geldsorgen und soziale Belastungen wirken sich aus. Eine Studie aus Deutschland zeigte, dass es Müttern in sozial und finanziell schwierigen Lebenslagen im Alltag schwerer fällt, feinfühlig auf ihr Baby einzugehen (Sidor et al., 2018). Feinfühligkeit hängt also nicht nur von einem Menschen ab, sondern auch von den Bedingungen, unter denen eine Familie lebt. Auch massive Paarkonflikte oder existenzielle Not können das Einfühlungsvermögen von Eltern einschränken (Ziegler, 2019). Und wenn du alleinerziehend bist, liegt vieles davon auf einmal bei dir: die Nächte, die Entscheidungen, oft auch die Geldsorgen, und nicht immer ist jemand da, mit dem du dich abwechseln kannst. Das sagt nichts darüber, wie gut du für dein Kind da bist. Es sagt etwas darüber, wie viel du trägst.
Für mich heißt das: Wenn du erschöpft bist, ist das kein persönliches Versagen. Es sagt etwas über die Bedingungen, unter denen du gerade lebst. Und für dein Kind da zu sein heißt nicht, dich selbst dafür aufzugeben.
In der Existenzanalyse, meiner psychotherapeutischen Grundausbildung, hat Alfried Längle dafür das Bild eines Tisches gezeichnet. Seine vier Beine sind die Grundlagen, die ein Leben tragen (Längle, 2003): Halt und Sicherheit, auch ganz äußerlich, etwa ein sicheres Zuhause und genug zum Leben. Nähe, zu anderen Menschen und zum eigenen Leben. Das Gefühl, so sein zu dürfen, wie man ist. Und etwas, das Sinn gibt. Ich finde dieses Bild hilfreich, weil es zeigt: Fehlt ein Bein, wackelt der Tisch. Fehlen zwei, braucht es zuerst Stabilität und Unterstützung. Es kann lange irgendwie funktioniert haben, und dann reicht scheinbar eine Kleinigkeit, und es geht nicht mehr. Dann war es selten nur diese Kleinigkeit, sondern vieles, das sich vorher schon lange angesammelt hat.
Und wenn dein Zuhause gerade kein sicherer Ort für dich ist, etwa weil du Gewalt, Drohungen oder Kontrolle erlebst, dann ist deine Sicherheit das Wichtigste. Im letzten Teil, „Zum Schluss“, findest du Stellen, die rund um die Uhr erreichbar sind und vertraulich beraten.
Wenn die erste Zeit schwerer ist als erwartet
Schwangerschaft, Geburt und die erste Zeit mit einem Baby werden sehr unterschiedlich erlebt. Für manche Frauen ist etwas davon sehr belastend, bis hin zu Reaktionen, wie man sie nach einem Trauma kennt (Heyne et al., 2022).
Wenn der Anfang schwer war, höre ich in der Praxis oft eine Frage: Habe ich etwas verpasst, das sich nicht nachholen lässt? Noch immer liest man, die ersten Stunden nach der Geburt seien entscheidend für die Bindung. Diese ersten Stunden können wertvoll sein. Aber sie sind keine Voraussetzung dafür, dass eine sichere Bindung entsteht (Strüber, 2016).
Die eigentliche Bindung zwischen einem Kind und seinen Bezugspersonen entwickelt sich erst im Laufe des ersten Lebensjahres (Strüber, 2016). Sie wächst in vielen alltäglichen Momenten, beim Halten, Trösten, Anschauen und Wiederfinden. Wie wenig sie an den ersten Stunden hängt, zeigt auch die Forschung zu Adoptivkindern: Kinder, die vor ihrem ersten Geburtstag adoptiert wurden, sind genauso sicher gebunden wie Kinder, die bei ihren leiblichen Eltern aufwachsen (van den Dries et al., 2009). Bindung ist ein Prozess, kein Zeitfenster, das sich schließt (Grüsgen, 2021).
Wenn dich der Anfang trotzdem nicht loslässt, darf das Platz bekommen, auch in einer professionellen Begleitung. Manchmal geht es dabei weniger um die Bindung zum Kind als um das, was die Geburt bei dir selbst hinterlassen hat.
Wenn die Niedergeschlagenheit über Wochen nicht weggeht, wenn du kaum noch Freude spürst, nicht mehr schlafen kannst, obwohl das Kind schläft, oder wenn sich Gedanken melden, die dir Angst machen, dann ist es wichtig, dass du Unterstützung bekommst. Solche Gedanken machen dich nicht zu einer schlechten Mutter. Bitte sprich darüber, zum Beispiel mit deiner Hebamme. Sie ist oft gut erreichbar und kann dir helfen, passende professionelle Unterstützung zu finden, etwa in der gynäkologischen oder hausärztlichen Praxis, in einer Beratungsstelle oder in einer Psychotherapie. Eine Depression nach der Geburt ist gut behandelbar, und oft ist es der schwerste Schritt, Hilfe anzunehmen (Wimmer-Puchinger, 2021). Im letzten Teil findest du Anlaufstellen, darunter auch Nummern, die rund um die Uhr erreichbar sind, falls es einmal akut wird.
Was trägt?
Was dich trägt, ist eine offene Frage, und die Antworten sind sehr verschieden. Wo findest du Halt? Wo hast du ein wenig Raum für dich? Was oder wer schützt dich, wenn es zu viel wird?
Es kann ein Mensch sein, ein Gespräch, etwas, woran du glaubst, oder ein Moment, in dem es kurz leichter wird. Es kann aber auch sein, dass dir lange gar nichts einfällt. Dann reicht es vielleicht, erst einmal wahrzunehmen, wo du gerade stehst.
Auch der Körper gibt dabei Hinweise. Er zeigt oft früher als der Kopf, dass etwas aus dem Gleichgewicht geraten ist: am Schlaf, an Verspannungen, an Hunger oder Müdigkeit, die lange überhört wurden, oder daran, dass schon kleine Dinge zu viel werden.
Und Mütter, deren Kinder längst keine Babys mehr sind, stellen sich mit etwas Abstand manchmal eine Frage, für die vorher kein Platz war: „Wo war ich eigentlich in all dem?“
Das ist selten als Vorwurf gemeint. Eher als erstaunter Blick zurück auf eine Zeit, in der sich vieles um andere gedreht hat. Für mich ist das kein Zeichen, dass etwas falsch gelaufen ist. Es ist ein Moment, in dem etwas sichtbar wird, das lange im Hintergrund war.
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