Teil 5: Muss ich alles richtig machen?

„Manchmal habe ich Angst, dass ich meinem Kind unbewusst etwas mitgebe, das ich eigentlich vermeiden wollte.“

Fünf Bienenfresser auf einer Leitung, einer breitet die Flügel aus, einer hat sich abgewandt
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Ein Thema ist in meiner Praxis sehr präsent: die Sorge, dem eigenen Kind langfristig zu schaden. Etwas zu übersehen, etwas falsch zu machen, nicht genug geben zu können.

„Du darfst keine Fehler machen“ steht in keinem Ratgeber. Zwischen all den Informationen kann sich aber eine Botschaft einschleichen, die so nie ausgesprochen wurde: „Wenn ich nicht aufpasse, könnte ich meinem Kind schaden.“

Diese Sorge hat viele Gesichter. Die eine fragt sich, ob sie zu oft genervt ist. Die andere, ob sie zu viele Grenzen setzt oder zu wenige. Die nächste, ob sie ihr Kind zu sehr beschützt oder zu wenig. Manchmal wechselt die Richtung innerhalb weniger Tage, je nach Stimmung und Verfassung.

„Ich glaube, ich könnte besser mit Unsicherheit umgehen, wenn es nicht um mein Kind gehen würde.“

Gut genug

Der Kinderarzt und Psychoanalytiker Donald Winnicott hat dafür schon 1953 einen Begriff geprägt: die „good enough mother“, die Mutter, die gut genug ist. Gemeint ist eine Mutter, die sich kümmert und dabei nicht perfekt ist. Kinder brauchen keine perfekten Eltern. Für ihre Entwicklung ist es sogar wichtig, dass nicht immer alles sofort gelingt (Winnicott, 1953, zit. nach Sidebotham, 2017).

Warum das wichtig ist, lässt sich auch körperlich erklären. Das Center on the Developing Child der Harvard University beschreibt kurze, leichte Stressreaktionen als wichtigen Teil einer gesunden Entwicklung. Das Herz schlägt kurz schneller, der Körper schüttet etwas mehr Stresshormone aus, und mit Unterstützung klingt das bald wieder ab. Genau dabei lernt das Stresssystem eines Kindes, mit Anspannung umzugehen. Kleine Momente, in denen etwas nicht sofort klappt, schaden also nicht. Sie gehören dazu (Center on the Developing Child, 2025).

Dazu kommt ein zweiter Gedanke. Der Entwicklungspsychologe Edward Tronick hat gezeigt, dass Eltern und Babys im Alltag sehr oft nicht im Gleichklang sind. Das ist kein Zeichen, dass etwas falsch läuft. Es gehört zum Miteinander dazu, ebenso wie das Wiederfinden danach (Tronick & Beeghly, 2011).

Momente, in denen dein Kind weint und du nicht herausfindest, was es braucht, in denen dir selbst die Tränen kommen oder du anders reagierst, als du es dir wünschst, gehören zum Leben mit einem Kind. Ein Baby versteht dafür noch keine Worte. Es nimmt aber wahr, wie du es hältst, wie deine Stimme klingt und wie dein Körper sich anfühlt. Das Wiederfinden, das Tronick beschreibt, geschieht vor allem auf dieser Ebene, oft in kleinen Momenten, die man selbst kaum bemerkt. Und wenn du dabei etwas sagst, wie „Das war gerade zu viel für mich“, dann ist das manchmal auch für dich selbst.

Bei Paula Diederichs habe ich dafür einen einfachen Satz mitgenommen, sinngemäß:

„Es ist keine Schande, als Mutter nicht perfekt zu sein.“

Das soll nichts schönreden. Solche Momente tun weh, oft dem Kind und der Mutter. Danach wieder aufeinander zuzugehen, klingt einfach und ist es oft nicht. Besonders schwer ist es für Mütter, die selbst als Kind nie erlebt haben, dass nach einem Streit jemand zurückkommt und sagt: Das war nicht deine Schuld. Wie soll man etwas weitergeben, das man selbst nie bekommen hat? Das darf nach und nach wachsen, in kleinen Schritten, manchmal mit Unterstützung. Und es kann auch erst Stunden oder Tage später gelingen. Auch das zählt.

Halten und loslassen

Im Leben mit einem Kind geht es immer wieder um beides: es zu trösten und zu halten, wenn es müde, traurig oder ängstlich ist, und es losziehen zu lassen und sich mit ihm zu freuen, wenn es die Welt erkundet. Den meisten Eltern fällt eines davon leichter als das andere, der einen das Trösten, der anderen das Loslassen. Das ist menschlich, und oft hat es mit der eigenen Geschichte zu tun.

Und Eltern sind nicht die einzigen, die ein Kind prägen. Beziehungen sind wichtig, sie können stärken, schützen und auch verletzen. Aber Entwicklung entsteht aus vielem gleichzeitig: aus dem Temperament eines Kindes, aus seinen Lebensumständen, aus anderen Beziehungen und Erfahrungen. Wenn ein Kind oder Jugendlicher Schwierigkeiten hat, heißt das nicht automatisch, dass die Eltern etwas falsch gemacht haben.

Ich denke dabei auch an Mütter, die manches bereuen oder wissen, dass ihr Kind Schweres erlebt hat. Auch dann ist Entwicklung nicht festgelegt. Beziehungen können sich verändern, und es können neues Verstehen und neue Formen von Nähe entstehen, auch Jahre später.

Die Strenge mit sich selbst

„Ich kann zehn Dinge richtig machen und beschäftige mich abends trotzdem mit dem einen, das nicht gelungen ist.“

Manche Mütter erinnern sich sehr genau an die Momente, in denen sie anders reagiert haben, als sie wollten. Viel seltener erinnern sie sich mit derselben Genauigkeit an die unzähligen Situationen, in denen sie da waren, getröstet und begleitet haben. Sie begegnen sich dann womöglich selbst mit einer Strenge, die sie ihrem Kind gegenüber nie wählen würden. Würde ihr Kind nach einem schwierigen Moment an sich zweifeln, würden sie es trösten und ihm zeigen, was gelungen ist. Mit sich selbst gehen sie oft viel härter um. Dahinter kann der Anspruch stehen, alles können und alles richtig machen zu müssen. Weil das niemandem gelingt, folgen Schuldgefühle, Erschöpfung und noch mehr Strenge mit sich selbst. Dieser Kreislauf lässt sich nicht einfach mit Einsicht durchbrechen, und es ist kein Versagen, wenn er sich hartnäckig hält.

Dieser strenge Blick hat oft eine Geschichte. Wer selbst wenig Unterstützung erlebt hat, oft kritisiert wurde oder früh gelernt hat, hohe Anforderungen an sich zu stellen, begegnet den eigenen Grenzen oft mit besonderer Härte. Wer früh gelernt hat, dass Sicherheit davon abhängt, aufmerksam zu sein, schaut eher auf das, was schiefgehen könnte, als auf das, was gelingt.

Dazu kommt eine Gesellschaft, die Müttern widersprüchliche Erwartungen mitgibt. Sie sollen feinfühlig sein und Grenzen setzen, verfügbar sein und auf sich achten, beruflich bestehen und gelassen bleiben. Sie sollen sich ganz auf die Bindung zu ihrem Baby einlassen und sich dann wieder problemlos lösen, wenn das Kind in Betreuung kommt. Sharon Hays hat diese Widersprüche schon vor Jahrzehnten beschrieben (Hays, 1996). Ein Teil des Drucks, den Mütter spüren, kommt von dort.

Ambivalenz gehört dazu

Zur Elternschaft gehört auch, widersprüchliche Gefühle auszuhalten. Nähe und Genervtsein können gleichzeitig da sein. Verbundenheit und der Wunsch nach Abstand schließen einander nicht aus. Ich erlebe immer wieder, wie normal diese Ambivalenz ist und wie viel Scham sie trotzdem auslösen kann. Du kannst Tage haben, an denen du erschöpft, gereizt oder innerlich weit weg bist, und dein Kind bleibt dir trotzdem wichtig.

Eine wichtige Abgrenzung

Wenn ich von Fehlern und schwierigen Momenten spreche, meine ich nicht Gewalt, Vernachlässigung oder Situationen, in denen ein Kind dauerhaft nicht geschützt ist. Dazu gehören auch emotionale Verletzungen wie ständiges Abwerten, Schuldzuweisungen oder Einschüchtern (Strüber, 2016). Solche Erfahrungen sind gravierend und brauchen Schutz und Unterstützung. Wenn du selbst als Kind so etwas erlebt hast, war das mehr als ein schwieriger Moment. Es ist verständlich, wenn manches davon bis heute nachwirkt. Wenn du merkst, dass es zu Hause immer wieder zu viel wird und du Angst hast, die Kontrolle zu verlieren, dann ist es ein Zeichen von Verantwortung, dir Hilfe zu holen. Vielleicht ist da auch Scham. Sie darf da sein, und du kannst dir trotzdem Hilfe holen. Anlaufstellen findest du im letzten Teil, „Zum Schluss“.