„Ich freue mich jeden Tag auf den Kindergarten. Und gleichzeitig freue ich mich, mein Kind wieder abzuholen. Lange dachte ich, das dürfte nicht beides gleichzeitig sein.“

Eine Mutter erzählt, dass sie sich auf die Stunden freut, in denen ihr Kind im Kindergarten ist. Fast sofort folgt eine Erklärung: warum sie diese Zeit braucht, warum sie so erschöpft ist. Eine andere erzählt, dass sie beim Füttern des Babys oft zum Handy greift, und rechtfertigt sich im selben Atemzug. Wieder eine andere freut sich auf die Rückkehr in den Beruf oder auf einen Abend ohne Kinder und hat dabei ein schlechtes Gewissen.
„Wenn jemand fragt, ob ich die Zeit ohne mein Kind genieße, antworte ich oft vorsichtig.“
Hinter diesen Rechtfertigungen stehen oft Vorstellungen davon, wie Elternschaft sein sollte: wie viel Freude sie machen sollte, wie präsent man sein sollte und wie selbstverständlich die eigenen Bedürfnisse hinter die des Kindes zurücktreten sollten.
Nehmen wir das Handy
Kaum ein Thema löst bei Müttern so schnell ein schlechtes Gewissen aus. Die Sorge dahinter ist nicht unbegründet: Eine Studie zeigt, dass häufige Unterbrechungen durch das Handy mit mehr Unruhe oder Rückzug bei Kindern zusammenhängen können. Die Forschenden halten es aber auch für möglich, dass Eltern unter Stress eher zum Handy greifen, als Versuch, kurz auszusteigen. Was Ursache und was Folge ist, lässt sich daraus nicht sagen (McDaniel & Radesky, 2018).
Was passiert also in der Mutter, die beim Füttern des Babys zum Handy greift? Sie ist seit Wochen erschöpft und sucht einen Moment Pause. Oder sie fühlt sich einsam und möchte kurz mit der Außenwelt verbunden sein. Frauen mit hoher Reizempfindlichkeit erzählen mir, dass ihnen der Blick auf etwas Begrenztes hilft, wenn Geräusche, Berührungen und Anforderungen gleichzeitig auf sie einprasseln. Danach können sie wieder mehr da sein.
Von außen sieht man nur das Verhalten. Wofür es in diesem Moment gebraucht wird, sieht man nicht. Was nach Desinteresse aussieht, kann der Versuch sein, wieder genug Boden unter den Füßen zu bekommen, um präsent sein zu können.
Studienergebnisse erreichen Mütter oft als Regeln, auch über Fachleute und mit den besten Absichten. Aus ihrem Zusammenhang gelöst sind sie im Alltag aber kaum einzuhalten, und zurück bleibt das Gefühl, wieder nicht gut genug zu sein. Ich wünsche mir, dass dann öfter danach gefragt wird, was eine Mutter gerade braucht, um wieder da sein zu können. Wenn dir so eine Regel begegnet und sie dich unter Druck setzt, darfst du nachfragen, woher sie kommt und ob sie zu deinem Leben passt.
Was ein Verhalten über einen Menschen erzählt
Ähnliches begegnet mir bei vielen Themen. Wenn eine Mutter froh ist, dass ihr Kind im Kindergarten ist, sagt das wenig über ihre Beziehung zum Kind aus. Es sagt eher etwas darüber, wie dringend sie gerade Ruhe braucht. Ursula Henzinger hat in einem Webinar zur Bindungsentwicklung darauf hingewiesen, dass die Rolle als sichere Basis für die Hauptbezugsperson auch mit einem Gefühl von Unfreiheit verbunden sein kann. Dieses Gefühl ist kein Zeichen von zu wenig Liebe. Es kann zu dieser Rolle dazugehören. Wenn sich jemand auf den Beruf freut, ist das Kind deshalb nicht weniger wichtig. Für die eine erinnert die Arbeit an einen Teil von sich, der lange wenig Platz hatte. Für andere ist sie schlicht notwendig, weil das Geld gebraucht wird, und das schlechte Gewissen kommt trotzdem mit. Und die Sehnsucht nach einem Abend allein kann ein Bedürfnis nach Erholung sein, nach Selbstbestimmung, nach Gesprächen mit Erwachsenen oder einfach nach einem Moment, in dem niemand etwas braucht.
Manchmal passen auch die eigenen Gefühle nicht zu dem, was man erwartet hat. Einige Mütter spüren weniger Freude und Verbundenheit als erhofft und schämen sich dafür. Auch das kommt öfter vor, als darüber gesprochen wird. Wenn dieses Gefühl lange anhält und dich belastet, ist das kein Versagen, es ist ein guter Grund, dir Unterstützung zu holen.
Warum wir so schnell urteilen
Urteile helfen uns, Situationen einzuordnen. Sie geben Sicherheit, wo vieles unübersichtlich ist, und gerade wenn es um Kinder geht, wünschen sich viele klare Antworten auf die Frage, was richtig und was falsch ist. Wir urteilen über andere und am strengsten oft über uns selbst. Mütter bekommen solche Urteile außerdem oft ungefragt, verpackt als Ratschläge: „Verwöhn ihn nicht.“ „Schläft sie immer noch nicht durch?“ Gut gemeinte Ratschläge können treffen.
Hinter vielen dieser Ratschläge steht die leise Frage, ob du als Mutter deinen eigenen Weg gehen darfst. Ich finde, es gibt nicht den einen richtigen Weg, sondern viele, die einem Kind guttun können. Verantwortung für ein Kind heißt, seine Bedürfnisse im Blick zu behalten. Wie du das tust, darf zu dir und zu eurem Leben passen.
Je schneller wir ein Verhalten bewerten, desto leichter verlieren wir den Menschen dahinter aus dem Blick. Verstehen heißt nicht, alles gutzuheißen. Es heißt zuerst, genauer hinzuschauen: Unter welchen Bedingungen lebt dieser Mensch gerade? Welche Geschichte, welche Belastungen, welche Bedürfnisse wirken mit?
Am Anfang kann eine einfache Frage stehen: Was versucht dieser Mensch gerade möglich zu machen?
Diese Frage darfst du auch dir selbst stellen.
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