Wenn wir Bindung vor allem daran messen, ob einzelne Situationen richtig oder falsch verlaufen, wird Elternschaft leicht zu einer ständigen Prüfung. Jeder schwierige Moment wirkt dann wie ein möglicher Fehler. Oft sprechen Klientinnen mit mir über die Angst, ein einziger Moment könnte die Bindung zu ihrem Kind zerstören.

Bindung entsteht aber nicht in einem Moment, und sie geht auch nicht in einem Moment verloren. Sie wächst über viele Jahre und entwickelt sich immer weiter, oft darin, dass Menschen trotz Erschöpfung, Unsicherheit und Missverständnissen wieder zueinanderfinden. Das gelingt nicht in jeder Beziehung. Manchmal ist Abstand nötig, um sich selbst zu schützen, auch zu den eigenen Eltern. Das ist kein Versagen.
Mütter brauchen keinen strengeren Blick auf sich selbst, sondern einen, der nicht zuerst fragt, ob sie genügen. Einen Blick, der sieht, unter welchen Bedingungen sie sorgen und da sind, mit ihren Möglichkeiten und mit ihren Grenzen.
Und neben allem, was schwer ist, gibt es vielleicht auch Momente, die leicht sind: ein gemeinsames Lachen, etwas, das guttut. Solche Momente stärken, die Kinder genauso wie die Mütter. Mit der Zeit kann auch die Frage wieder Raum bekommen, was dir selbst in dieser Lebensphase wichtig ist und was durch dich entstehen möchte, für dein Kind und für dich.
Bindung geschieht mitten im Leben. Und dazu gehört auch, was dich selbst trägt.
Literatur
Center on the Developing Child at Harvard University (2025): Toxic Stress. https://developingchild.harvard.edu/science/key-concepts/toxic-stress/ (abgerufen am 16.10.2026)
Charf, Dami (2018): Auch alte Wunden können heilen. Wie Verletzungen aus der Kindheit unser Leben bestimmen und wie wir uns davon lösen können. München: Kösel.
Daminger, Allison P. (2021): Thinking Gender: The Cognitive Dimensions of Household Labor. Dissertation, Harvard University. https://dash.harvard.edu/server/api/core/bitstreams/0594bb9c-1c9d-4f31-bcde-00ad47bf3d7c/content
Grüsgen, Karola (2021): Bonding von Anfang an. Das emotionale Band zwischen Kind und Eltern. In: Hebammen Wissen, 2/2021, S. 34–37.
Hays, Sharon (1996): The Cultural Contradictions of Motherhood. New Haven: Yale University Press.
Heyne, Claudia S. et al. (2022): Prevalence and risk factors of birth-related posttraumatic stress among parents: A comparative systematic review and meta-analysis. In: Clinical Psychology Review, 94, Artikel 102157. https://doi.org/10.1016/j.cpr.2022.102157
Howe, David (2015): Bindung über die Lebensspanne. Grundlagen und Konzepte der Bindungstheorie. Paderborn: Junfermann. (Original: Attachment Across the Lifecourse, 2011)
Längle, Alfried (2003): The Art of Involving the Person. Fundamental Existential Motivations as the Structure of the Motivational Process. In: European Psychotherapy, 4(1), S. 25–36. https://www.existenzanalyse.org/wp-content/uploads/The-Art-of-Involving-the-Person-the-Fundam-Ex-Mot-EP-03.pdf
McDaniel, Brandon T. & Radesky, Jenny S. (2018): Technoference: Parent Distraction With Technology and Associations With Child Behavior Problems. In: Child Development, 89(1), S. 100–109. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC5681450/
Mikolajczak, Moïra & Roskam, Isabelle (2018): A Theoretical and Clinical Framework for Parental Burnout: The Balance Between Risks and Resources (BR2). In: Frontiers in Psychology, 9, Artikel 886. https://doi.org/10.3389/fpsyg.2018.00886
Narayan, Angela J.; Ghosh Ippen, Chandra; Harris, William W. & Lieberman, Alicia F. (2017): Assessing angels in the nursery: A pilot study of childhood memories of benevolent caregiving as protective influences. In: Infant Mental Health Journal, 38(4), S. 461–474. https://doi.org/10.1002/imhj.21653
Ramsauer, Brigitte; Gehrke, Julia; Lotzin, Annett; Powell, Bert & Romer, Georg (2011): Bindung und Bindungstherapie. Die Hamburger Interventionsstudie „Kreis der Sicherheit“. In: Praxis der Kinderpsychologie und Kinderpsychiatrie, 60(6), S. 417–429. https://psycharchives.org/en/item/b84f7464-a851-498f-89c8-3caa92442042
Roskam, Isabelle et al. (2021): Parental Burnout Around the Globe: A 42-Country Study. In: Affective Science, 2(1), S. 58–79. Frei lesbar: https://jyx.jyu.fi/handle/123456789/93793
Sidebotham, C. (2017): Good enough is good enough! In: British Journal of General Practice, 67(660), S. 311. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC5565862/
Sidor, Anna; Köhler, Hubert & Cierpka, Manfred (2018): Einfluss der sozioökonomischen Risikobelastung auf mütterliche Feinfühligkeit, Stressbelastung und Familienfunktionalität. In: Praxis der Kinderpsychologie und Kinderpsychiatrie, 67(3), S. 257–273. https://doi.org/10.13109/prkk.2018.67.3.257
Strüber, Nicole (2016): Die erste Bindung. Wie Eltern die Entwicklung des kindlichen Gehirns prägen. Stuttgart: Klett-Cotta.
Tronick, Ed & Beeghly, Marjorie (2011): Infants’ meaning-making and the development of mental health problems. In: American Psychologist, 66(2), S. 107–119. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC3135310/
van den Dries, Linda; Juffer, Femmie; van IJzendoorn, Marinus H. & Bakermans-Kranenburg, Marian J. (2009): Fostering security? A meta-analysis of attachment in adopted children. In: Children and Youth Services Review, 31, S. 410–421. https://scholarlypublications.universiteitleiden.nl/access/item%3A2961073/download
Van Horn, Patricia; Lieberman, Alicia F. & Harris, William W. (2014): Assessing Angels in the Nursery. Interviewleitfaden. Child Trauma Research Program. https://cyfd.nm.gov/wp-content/uploads/2024/01/Angels_In_The_Nursery_English.pdf
Verhage, Marije L. et al. (2016): Narrowing the transmission gap: A synthesis of three decades of research on intergenerational transmission of attachment. In: Psychological Bulletin, 142(4), S. 337–366. https://discovery.ucl.ac.uk/id/eprint/1477395
Wimmer-Puchinger, Beate (2021): „Eigentlich sollte ich glücklich sein …“ Psychische und soziale Belastungen in der Schwangerschaft und nach der Geburt. Ein Ratgeber für Mütter, Väter und Angehörige. Wien: Bundesministerium für Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz (BMSGPK). ISBN 978-3-85010-638-2. Kostenlos über das Broschürenservice des Sozialministeriums.
Ziegler, Margret (2019): Empathie und frühe Eltern-Kind-Beziehung. In: JuKiP, 8, S. 72–77. https://doi.org/10.1055/a-0850-7569
Anlaufstellen in Österreich
Viele dieser Stellen sind kostenlos.
Wenn es akut ist
Telefonseelsorge: 142, rund um die Uhr und kostenlos. https://www.telefonseelsorge.at
Frauenhelpline gegen Gewalt: 0800 222 555, rund um die Uhr und kostenlos. https://www.frauenhelpline.at
24-Stunden-Frauennotruf der Stadt Wien: 01 71 71 9, rund um die Uhr, kostenlos, vertraulich und auf Wunsch anonym. https://www.wien.gv.at/menschen/frauen/beratung/frauennotruf/
Psychosoziale Dienste Wien (PSD): Psychiatrische Soforthilfe 01 31330, rund um die Uhr. Kriseninterventionszentrum 01 406 95 95, Montag bis Freitag von 8 bis 17 Uhr. https://psd-wien.at
Krisen- und Notrufnummern nach Bundesland, auch bei Gedanken an Suizid: https://www.gesundheit.gv.at/leben/suizidpraevention/anlaufstellen/notrufnummern
Österreichweit
Frühe Hilfen: Begleitung für Familien von der Schwangerschaft bis zu den ersten Lebensjahren des Kindes. https://www.fruehehilfen.at
Familienberatungsstellen: rund 400 vom Bund geförderte Beratungsstellen in ganz Österreich, kostenlos und anonym. https://www.familienberatung.gv.at
Psychotherapie: Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten in ganz Österreich findest du über die Suche des Österreichischen Bundesverbands für Psychotherapie (ÖBVP). https://www.psychotherapie.at
In Wien
Frühe Hilfen Wien https://www.fruehehilfen.wien
Familienhebammen der Stadt Wien https://www.wien.gv.at/gesundheit/familienhebammen
Familienzentren der Stadt Wien https://www.wien.gv.at/menschen/kind-familie/servicestellen/familienzentren.html
Hebammenzentrum Wien https://www.hebammenzentrum.at
Caritas Familienhilfe, Unterstützung im Alltag zu Hause https://www.caritas-wien.at/hilfe-angebote/kinder-familie/familienhilfe-und-ambulante-familienarbeit/
Kind & Kegel, Eltern-Kind-Zentrum https://www.kind-und-kegel.at
Nanaya, Zentrum für Schwangerschaft, Geburt und Leben mit Kindern https://nanaya.at
FEM Elternambulanz an der Klinik Ottakring, kostenlose psychologische Beratung in der Schwangerschaft und in den ersten Jahren nach der Geburt, auch in mehreren Sprachen https://fem.at/arbeitsbereiche/fem-elternambulanz/
Spezialambulanz für peripartale Psychiatrie, Klinik Ottakring https://klinik-ottakring.gesundheitsverbund.at/leistung/spezialambulanz-fuer-peripartale-psychiatrie/
Station für Peripartale Psychiatrie am AKH Wien, für Schwangere und Mütter im ersten Jahr nach der Geburt https://psychiatrie-psychotherapie.meduniwien.ac.at/unsere-abteilungen/klinische-abteilung-fuer-sozialpsychiatrie/information-fuer-patientinnen/stationen/
die möwe Kinderschutzzentren, Telefonberatung auch für Eltern: 01 532 15 15 https://www.die-moewe.at
Übersicht der Stadt Wien zu Unterstützung bei Krisen rund um Schwangerschaft und Geburt https://www.wien.gv.at/gesundheit/geburt-schwangerschaft-hilfe-bei-krisen
Über die Autorin
Mag.a Andrea Menghini ist Psychotherapeutin (Humanistische Therapie – Existenzanalyse) in freier Praxis in Wien. Sie arbeitet körperorientiert, bindungs- und traumasensibel und begleitet vor allem Frauen. Zu ihren Schwerpunkten gehören ADHS, Autismus und AuDHS bei Frauen, auch in der Elternschaft, die Zeit rund um Schwangerschaft, Geburt und Mutterschaft sowie die Begleitung nach dem Verlust eines Kindes.
Praxis Mag.a Andrea Menghini, Czerningasse 14/2, 1020 Wien, https://www.psychotherapie-menghini.at
Hinweis
Dieser Text ersetzt keine Psychotherapie, Beratung oder medizinische Behandlung. Zitate aus der Praxis sind verfremdet.
Nutzung und Zitieren
© 2026 Andrea Menghini. Dieser Text und die Fotos sind urheberrechtlich geschützt. Alle Fotos außer dem Vogelbild in Teil 5 (Pixabay) habe ich selbst aufgenommen, sie dürfen nicht einzeln verwendet werden. Den Text darfst du gerne herunterladen, ausdrucken und weitergeben, unverändert, vollständig und mit Nennung meines Namens und der Quelle. Eine Veränderung, eine kommerzielle Nutzung oder eine Veröffentlichung auf anderen Websites ist nur mit meiner Zustimmung erlaubt. Wenn du daraus zitierst, nenne bitte die Quelle:
Menghini, Andrea (2026): Bindung mitten im Leben. Was Mütter tragen und was sie selbst trägt. https://www.psychotherapie-menghini.at
Alle Teile von „Bindung mitten im Leben“ · als PDF herunterladen